Seit Jahrzehnten versammeln sich am ersten Sonntag im Juli Gläubige, ehemalige Bewohner der böhmischen Heimat sowie zahlreiche Gäste an der Waldkapelle „Maria Heimsuchung“ am Goldberg zwischen Eslarn und der Tillyschanz. Die alljährliche Messfeier der Interessengemeinschaft „Heimatverein Eisendorf und Umgebung“ ist längst zu einer festen Tradition geworden und verbindet christlichen Glauben mit dem Gedenken an die Geschichte der ehemaligen deutschen Bewohner des böhmischen Grenzgebietes. Die Goldbergkapelle erinnert an die einstige Waldkapelle bei Karlbach Hütte, dem heutigen tschechischen Karlova Huť, die inzwischen teilweise dem Verfall preisgegeben ist. Das baugleiche Gotteshaus am Goldberg wurde 1975 von Landsleuten des Heimatvereins unter der Leitung von Karl Hackl errichtet. Seither steht die Kapelle als sichtbares Zeichen der Verbundenheit mit der alten Heimat und erinnert an die Schicksale der Zwangsaussiedlung nach dem Zweiten Weltkrieg.
Zur diesjährigen Messfeier konnte die Interessengemeinschaft zahlreiche Eslarnerinnen und Eslarner, interessierte Gäste sowie Angehörige ehemaliger Bewohner aus Eisendorf, dem heutigen tschechischen Železná, und den umliegenden Ortschaften begrüßen. Die Eucharistiefeier zelebrierte Heimatpfarrer Monsignore Gerhard Hettler, Pfarrer i. R. aus Passau. Der in Weiden geborene Geistliche mit familiären Wurzeln in Eisendorf begrüßte die Gläubigen herzlich mit „Grüß Gott“ und ebenso auf Tschechisch mit „Dobrý den“ – ein Zeichen der Verbundenheit über die Grenze hinweg. Seit Beginn der Gottesdienste an der Goldbergkapelle übernimmt die Schlossbergkapelle musikalisch die feierliche musikalische Gestaltung. Mit der „Deutschen Messe“ von Franz Schubert aus dem Jahr 1826 verlieh sie dem Gottesdienst erneut einen besonders würdevollen Rahmen. Auch eine große Fahnenabordnung des Krieger- und Soldatenvereins erwies der Feier ihre Ehre.
In den Mittelpunkt seiner Predigt stellte Monsignore Hettler das Patrozinium der Kapelle „Maria Heimsuchung“. Der Begriff „Heimsuchung“ werde heute häufig missverstanden und mit Leid oder Unglück verbunden. Er erinnerte daran, dass das Fest an den Besuch der schwangeren Maria bei ihrer ebenfalls schwangeren Verwandten Elisabeth erinnert. Maria habe nach der Verkündigung durch den Engel Gabriel den Weg ins Bergland von Judäa auf sich genommen, um Elisabeth beizustehen. Diese Begegnung sei bis heute ein Sinnbild für gelebte Nächstenliebe, gegenseitige Unterstützung und Hoffnung.
Zugleich gedachte der Geistliche an den verstorbenen Hans Kaiser, der sich über viele Jahrzehnte mit großem ehrenamtlichem Engagement um die Goldbergkapelle kümmerte. Heute liegt die Pflege des kleinen Gotteshauses in den Händen von Elisabeth Würfl. Monsignore Hettler erinnerte außerdem an sein eigenes 50-jähriges Priesterjubiläum und erzählte mit einem Schmunzeln, dass er sich seinen heimatlichen Dialekt bis heute bewahrt habe, dieser sich jedoch auf der Rückfahrt in seine niederbayerische Wahlheimat beinahe von selbst wieder umstelle. Unterstützt wurde die Feier von Pfarrgemeinderätin Agnes Härtl als Mesnerin, Klaus Härtl, Lektorin Monika Lindner sowie den Ministrantinnen.
Im Anschluss an den Gottesdienst sprach Bürgermeister Thomas Kleber seinen Dank für die würdevolle Gestaltung der Messfeier aus und gratulierte Monsignore Hettler herzlich zu dessen Goldenem Priesterjubiläum. „Die Feier zeige Jahr für Jahr, wie wichtig es sei, Wurzeln zu haben und die Erinnerung an die eigene Geschichte lebendig zu halten. Die Erinnerung an Flucht und Zwangsaussiedlung mahne zugleich, Frieden und Freiheit niemals als selbstverständlich anzusehen.“ Angesichts der aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen in der Welt würden deren Auswirkungen auch hierzulande durch steigende Preise und wirtschaftliche Unsicherheiten spürbar. „Gerade deshalb solle die Messfeier Mahnung und Erinnerung zugleich sein.“ Kleber informierte außerdem über den geplanten Erhalt der Goldbergkapelle. Die vorgesehene Renovierung konnte zum 50-jährigen Bestehen im vergangenen Jahr noch nicht verwirklicht werden. Das Vorhaben werde jedoch am 15. Juli erneut im Bauausschuss beraten. Vorgesehen seien die Erneuerung des Daches sowie ein neuer Außenanstrich, die aus bereits vorhandenen zweckgebundenen Mitteln finanziert werden sollen.
Elisabeth Würfl überbrachte zudem die herzlichen Grüße des langjährigen Vorsitzenden des Heimatvereins, Josef Hoffmann. Aus gesundheitlichen Gründen habe der ehemalige „Eisendorfer“ nicht persönlich teilnehmen können, sei jedoch im Gedenken und mit seinem Herzen eng mit der Gemeinschaft verbunden. Traditionell klang die Messfeier mit dem gemeinsam gesungenen Böhmerwaldlied aus. Im Anschluss ergaben sich zahlreiche Gespräche, in denen Erinnerungen an die verlorene Heimat und den schwierigen Neuanfang nach der Vertreibung lebendig wurden. Besonders bewegend war die Begegnung mit Horst Josef Lohr aus Hünstetten in Südhessen. Der 85-Jährige war gemeinsam mit seiner Ehefrau und seiner Tochter als einziger noch anwesender ehemaliger Eisendorfer zur Messfeier gekommen. Er wurde 1946 mit seinen Eltern aus Eisendorf zwangsausgesiedelt. Seine Großeltern führten dort das Gasthaus „Zum Goldenen Löwen“, das unter dem Hausnamen „Ferdl-Lenz“ bekannt war und an dessen Stelle sich heute ein tschechisches Restaurant befindet. Der Weg der Familie führte zunächst über Furth im Wald und später nach Lohr am Main. Dort lernte Horst Josef Lohr seine spätere Ehefrau kennen; aus der Ehe gingen vier Kinder hervor. Seine Lebensgeschichte steht stellvertretend für viele Schicksale der Heimatvertriebenen und machte deutlich, warum die jährliche Begegnung an der Goldbergkapelle weit mehr ist als eine Tradition: Sie ist ein lebendiges Zeichen des Erinnerns, der Versöhnung und der Hoffnung für kommende Generationen. Das erste Mal bei einer Kapellenfeier anwesend war das Ehepaar Monika und Josef Stock aus Altendorf bei Pressath. „Es war eine wunderschöne und unvergessliche Messe und die Predigt mit den weiteren vertiefenden Bekundungen zur Weltlage bleiben uns unvergessen in Erinnerung.“ Stock erinnerte an die Vertreibung seiner Mutter Gertrud Stock, geborene Päckert, mit deren Mutter und Geschwistern 1945 aus Halmgrün, Kreis Karlsbad. „In einem Viehwaggon kamen sie über Wunsiedel zu Bauern nach Dießfurt.“ Leider verstarb kürzlich Tante Christl als letzte der Familie Päckert.