Kirchengeschichte-Experte Dr. Markus Lommer beim Vortrag bei den Tutzing-Freunden (Bild: Siegfried Bühner)

Vortrag zur Reformationsgeschichte der Oberpfalz

„Wie geht es weiter, haben wir noch eine Chance als Kirche?“ fragte der Experte für Kirchengeschichte der Oberpfalz, Dr. Markus Lommer, am Ende seines Vortrags. Und er ergänzte „Vielleicht können wir aus der Vergangenheit lernen“. Welche Zeit er damit ansprach, konnte der Überschrift des Vortrags entnommen werden. „Von der Reformation über das Simultaneum zur Ökumene“ lautete diese. Eingeladen hatte der Freundeskreis Weiden der Evangelischen Akademie Tutzing. Drei historische Phasen der regionalen Kirchengeschichte wurden beschrieben. Zunächst ging es um die Geschehnisse in der Zeit unmittelbar nach Reformationsbeginn im Jahre 1517. „Die Stadt Weiden war Vorreiterstadt der Reformation“ stellte Dr. Lommer fest. Schon im Jahre 1523 wurde der Lutherschüler Johannes Freisleben vom Stadtrat als Stadtprediger berufen. Unter anderem habe dieser dort die Schrift „Salve Regina“ als „Marienkult“ kritisiert und umgeschrieben. Später sei es dann auch in Nabburg zwischen Freisleben und dem dortigen Pfarrer „während eines laufenden Gottesdienstes zum offenen Streit gekommen“ berichtete Dr. Lommer. Ausführlich thematisiert wurde dann im Vortrag das Simultaneum als „friedliches Zusammenleben der Religionen“. Es entstand gut einhundert Jahre nach dem Reformationsausbruch und beinhaltete gemeinsam von den örtlichen Religionsgemeinschaften genutzte Kirchen, Pfarr- und Friedhöfe sowie untereinander geteilte Gebäude und Grundstücke. Mit dem „Sulzbacher Simultaneum“ von 1652 hat Pfalzgraf Christian August ein wegweisendes Modell religiöser Toleranzpolitik im Fürstentum Pfalz-Sulzbach geschaffen, berichtet Dr. Lommer. Alle Glaubensrichtungen wurden geduldet. „Unsere Gegend hatte eine Vorreiterrolle in Europa“ betonte Dr. Lommer „Aber hier gab es keine Hexenprozesse“ freute sich der Referent. Bis Ende des 19. Jahrhunderts hätten die meisten Kirchen und Einrichtungen des Simultaneums Bestand gehabt. „Elf bestehen noch heute, zum Beispiel in Altenstadt bei Vohenstrauß und in Wildenreuth“. Im „Förderverein Simultankirchen in der Oberpfalz“ und dem von diesem aufgebauten Simultankirchen-Radweg sieht Dr. Lommer ein „ganzheitliches Projekt, das die Konfessionen wieder zusammenführen soll.“ Dies hält der Referent auch für notwendig, denn die Auflösung der Simultankirchen habe nur wenig zu einer ökumenischen Bewegung beigetragen. Deswegen konnten im Vortrag auch nur Einzelbeispiele ökumenischer Aktivitäten wie örtliche ökumenische Gottesdienste oder die gemeinsame Fronleichnamsprozession in Sulzbach-Rosenberg genannt werden. Auf die Frage, wie es mit den Kirchen und auch mit deren finanziellen Problemen weitergehe, empfiehlt Dr. Lommer „wir müssen immer mehr über Brücken gehen. Vielleicht ist die Idee der Simultankirchen auch eine Idee für heute“.
Autor Hellmut Schlingensiepen (Zweiter von links) zusammen mit (von links) Dr. Ehrenfried Lachmann (Sprecher Tutzing-Freunde) Bettina Hahn und Claudia Sörgel (beide Evangelisches Bildungswerk). (Bild: Siegfried Bühner)

Vortrag über US-Bürgerrechtsbewegung

Weil gegenwärtig Rassismus gegen „Black People“ in den USA leider wieder wächst, wird der Blick auf die US-Gesellschaft in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg erneut aktuell. Diese Zeit wird vielfach „Harlem Renaissance“ genannt und prägte in den USA nicht nur das gesellschaftliche Leben, sondern auch Musik, Literatur, Malerei und Theater. Der Autor und Filmemacher Hellmut Schlingensiepen aus Duisburg schrieb darüber das Buch „Die Harlem Renaissance – Black Lives Matter vor 100 Jahren“. In einer gemeinsamen Veranstaltung des Freundeskreises Weiden der Evangelischen Akademie Tutzing und des Evangelischen Bildungswerks Oberpfalz stellte Schlingensiepen die Inhalte seines Buches vor und zitierte Passagen daraus. Aus historischen Gründen sprach er am Abend, so wie auch in seinem Buch, nicht von „Black People“, sondern von Schwarzen oder schwarzer Bevölkerung. Laut Schlingensiepen hat sich damals „ein schwarzes Selbstbewusstsein“ entwickelt, das unter anderem auch auf „im Ersten Weltkrieg kämpfende reine schwarze Bataillone“ zurückzuführen sei. Ein „Wir-Gefühl der schwarzen Bevölkerung“ sei entstanden, das auch „enorme Möglichkeiten für Schwarze in der Gesellschaft“ eröffnet habe. Im Zuge der Folgen der Wirtschaftskrise ab 1929 endete dann laut Schlingensiepen die Blütezeit der Harlem Renaissance. Ausführlich ging der Autor am Abend auch auf die Verbindung der Harlem Renaissance mit Dietrich Bonhoeffer ein. Der Theologe war von 1930 bis 1931 ein Jahr lang Stipendiat am Union Theological Seminary in New York City. Häufig hätte er dabei die von Schwarzen geleitete Abyssinian-Kirche und auch das „Black Harlem, die schwarze Metropole weltweit“ besucht. Bonhoeffer hätte erlebt, welche negativen Folgen die Weltwirtschaftskrise gerade für die arme schwarze Bevölkerung hatte. Generell habe es eine enge Verbindung zwischen Kirche und der Harlem Renaissance gegeben, betonte Schlingensiepen. Bonhoeffer sei auch mit den Künstlern der damaligen Zeit in Kontakt gekommen. In seinen Briefen hätte er berichtet, „wie furchtbar er die Behandlung der Schwarzen vor allem in den Südstaaten findet“, erläutert der Buchautor. Nie wieder hätte Bonhoeffer das „Völkische“, so wie in seinen frühen Ansprachen in den 20er Jahren, gelobt. „Vielmehr hat er sich in den USA entscheidend verändert und sich zu einem Theologen gewandelt, der sich auf die Seite der Schwachen stellt“, betonte Schlingensiepen.
der Referent des Abends Dr. Klaus-Dieter Herbst (Mitte) zusammen mit Dr. Uta Doenitz (Vertreterin des Veranstalters) und Kulturamtsleiterin der Stadt Weiden Sabine Guhl (Bild: Siegfried Bühner)

Vortrag über Erhard Weigel

Reiseführer einer virtuellen Vortragsreise ins 17. Jahrhundert im historischen Sitzungssaal des Alten Rathauses in Weiden war Dr. Klaus-Dieter Herbst aus Jena, Vorsitzender der Erhard-Weigel-Gesellschaft. Eingeladen hatte der Freundeskreis Weiden der Evangelischen Akademie Tutzing zusammen mit der Stadt Weiden aus Anlass des 400.Geburtstag von Erhard Weigel. Dieser Universalgelehrte war im Vortragstitel als „Visionär zwischen Wunder und Wissen“ beschrieben worden. Die virtuelle Reise begann mit der Geburt von Erhard Weigel in der Judengasse 10 in Weiden am 16. Dezember des Jahres 1625 – mitten im Dreißigjährigen Krieg. Wegen ihres evangelisch-lutherischen Glaubens musste die Familie Weigel 1628 nach Wunsiedel flüchten und um ihre Existenz kämpfen. Frühzeitig wurden die außerordentlich überdurchschnittlichen Begabungen des jungen Erhard erkannt. Lateinschule in Wunsiedel, Gymnasium in Halle, Studium an der Universität Leipzig schufen die Voraussetzungen, dass Weigel schon mit 28 Jahren zum Professor am Lehrstuhl für Mathematik in Jena berufen wurde. Bis zu seinem Tode am 21. März 1699 hatte Weigel diesen Lehrstuhl inne. Seine vielfältigen Aktivitäten führten ihn dennoch fast durch ganz Europa. Schon während seiner Ausbildung begegnete Weigel zahlreichen damals bekannten Wissenschaftlern, die ihn fast alle inspiriert haben. Die akademische Welt des 17. Jahrhunderts war überschaubar, man kannte sich. Und es ergaben sich auch rasch Kontakte zu Fürstenhäusern, für finanzielle Unterstützung der Forschung war gesorgt. Unter diesen Rahmenbedingungen entwickelte sich Weigel zu einem Hochschullehrer und Wissenschaftler mit höchster Anerkennung. Auch war es damals noch möglich, dass ein einzelner höchstintellektueller Mensch wie Weigel, fast alle großen wissenschaftlichen Disziplinen beherrschte. In seinem Vortrag erläuterte Dr. Herbst dann diese teilweise völlig unterschiedlichen Wissenschaftsbereiche den Zuhörern anschaulich und mit zahlreichen Beispielen. So war die Mathematik für Weigel „die entscheidende Wissenschaft, um denken zu lernen und andere Wissenschaften betreiben zu können“. Selbst einen mathematischen Gottesbeweis habe Weigel aufgestellt. In der Astronomie deutete er die Erdumdrehung um die Sonne nur sehr vorsichtig an, denn das durfte damals nicht laut ausgesprochen werden. Weigel war auch der erste Wissenschaftler, der einen weltweiten Verlauf einer Sonnenfinsternis berechnet hatte. Auf der Basis seines astronomischen Wissens bemühte sich Weigel fast sein ganzes Leben lang um die Anerkennung eines einheitlichen Kalenders, der den jahrhundertelang geltenden julianischen Kalender überall ablösen sollte. „Weigel hat wesentlich dazu beigetragen, dass der Kalender vereinheitlicht wurde“ sagte Dr. Herbst. Besonders eifrig sei Weigel als Erfinder gewesen. „47 Erfindungen zum Wohle des Gemeinwesens“ zählte der Referent auf, darunter war ein funktionierender Fahrstuhl in seinem Wohnhaus in Jena. 18 Himmelsgloben habe Weigel geschaffen, auch als Vorläufer eines Planetariums. Dazu kämen naturwissenschaftliche Messinstrumente zur Ablösung „astrologischen Aberglaubens“ und für Wetteraufzeichnungen. Die Philosophie sei mit „19 logischen Schlussfolgerungen“ bereichert worden und Weigels Pädagogik zielte auf „ganzheitliche und repressionsarme Erziehung“. Und immer sei es Weigel um die Verbesserung des Allgemeinwohls gegangen, sagte Dr. Herbst.
von links: Tutzing-Sprecher Dr. Ehrenfried Lachmann, Referent Dr. Matthias Pöhlmann, VHS-Bereichsleiter Harald Krämer und Matthias Langer vom Vorstand GCJZ (Bild: Siegfried Bühner)

Vortrag über Verschwörungstheorien

Tief reichendes Expertenwissen prägte den Vortragsabend, denn selten sind so viele Fakten, einschlägige Namen und wissenschaftlich belegte Aussagen zu hören. Der Theologe und Religionspublizist Dr. Matthias Pöhlmann sprach über das Thema „ Allianz des Misstrauens. Verschwörungsglaube und Antisemitismus in den Medien“. Gemeint waren dabei nicht die öffentlich rechtlichen Medien, sondern hauptsächlich Internetmedien, Privatsender und andere Publikationen. Zu der Veranstaltung eingeladen hatte der Freundeskreis Weiden der Evangelischen Akademie Tutzing zusammen mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und der Volkshochschule Weiden-Neustadt. Die Kernaussage des Vortrags lautete „Verschwörungsglaube und Esoterik bilden ein Zwillingspaar“. Der Experte stellte beide Themenfelder ausführlich vor und zeigte dann auf, wie sich diese vermischen und gegenseitig verstärken. „Esoterik wirkt als Türöffner für den Verschwörungsglauben“ sagte der Experte. Bei den Verschwörungstheorien handele es sich um eine „Allianz des Misstrauens gegen alles Herkömmliche“. Es gebe keine Abgrenzung zum Antisemitismus. Und Dr. Pöhlmann sieht in dieser Allianz auch eine Bedrohung der Demokratie. Grundsätzlich infrage gestellt werden bei den Verschwörungstheorien das öffentlich-rechtliche Rundfunkwesen und die herrschende Wissenschaft. Auch das Bildungsmonopol des Staates sowie sogenannte „Eliten der Finanz- und Pharmalobby“ stehen negativ im Visier. Verschwörungstheorien unterstellen, sagt Dr. Pöhlmann, „dass die Regierenden die Bevölkerung in Angst versetzen wollen um sie leichter manipulieren zu können“. Mächtige Drahtzieher würden im Verborgenen arbeiten um die Öffentlichkeit zu täuschen. Der Verschwörungsglaube erfülle auch „ersatzreligiöse Funktionen“ und trete in Krisenzeiten besonders stark auf. Untersuchungen zeigen laut Dr. Pöhlmann, dass Anhänger der Esoterik eine „verstärkte Offenheit für Verschwörungsmythen zeigen“. Sie beriefen sich häufig auf „höhere Erkenntnisformen oder eine Erleuchtungserfahrung oder ein Überwissen“. Deshalb seien auch Diskussionen mit rationalen Argumenten nicht zu führen. Eine „rechte Esoterik“ sei netzwerkartig verbunden mit autoritären, antiwissenschaftlichen und antidemokratischen Einstellungen. Dabei würden häufig auch Feindbilder verbreitet. Mit einer langen Reihe von Einzeldokumenten präsentierte Dr. Pöhlmann dann konkrete Belege für die Verbreitung rechter Esoterik gleichzeitig mit Verschwörungstheorien. So zeigte er Bilder der Demonstration „München steht auf“, unter anderem mit einer Russland-Flagge und Plakaten gegen „zwangsfinanziertes Fernsehen“. Erwähnt wurden die Medien Kla.TV und Kanal AUF1 sowie die QAnon-Bewegung. Der „Anastasia-Mythos“, der durch Bücher von Wladimir Megre bekannt wurde, ist vorgestellt worden. Bei ihm verbindet sich die Schaffung von naturverbundenen Familienlandsitzen mit antisemitischem und antidemokratischem Gedankengut. Und Dr. Pöhlmann nannte auch zahlreiche Namen wie Peter Fitzek, Heinrich XIII. Prinz Reuß, Jan van Helsing, Erich Hambach, Jo Conrad, Eva Hermann und Ivo Sasek, die er alle dem Umfeld von rechter Esoterik, Verschwörungsglauben oder Rechtsextremismus zuordnete. Um der weiteren Verbreitung deren Gedankenguts entgegenzuwirken, empfahl Dr. Pöhlmann dringend zusätzliche Maßnahmen zur Stärkung der Demokratie.

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