Dass sich zu den Aufführungen der Theatergruppe für die Ober- und Mittelstufe ein Besuch am Stiftland-Gymnasium immer lohnt, hat das Ensemble unter der Leitung von Studiendirektorin Ina Schmelzer bei der Präsentation ihrer Eigenproduktion „Mensch, Iphigenie!“ in diesem Jahr ganz besonders eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Im Stück, dessen Handlung von Sofia Häckl und Johanna Kappauf (beide Q12) ersonnen und konzipiert wurde, dreht sich alles um die Frage, inwieweit das Ideal der Menschlichkeit in einer wertefeindlichen Welt realisierbar ist.
Die Antwort, die das Stück gibt, ist eine düstere: Die griechischen Einwanderer, die auf der scheinbar idyllischen Insel Tauris landen, um dort ihre Freiheit und Erfüllung zu finden, werden von den skrupellosen und geldgierigen Machthabern Thoas, Arkas und Krösus mittels Fake News als Sündenböcke für alle durch ihre Machenschaften entstandenen Miseren missbraucht. An allem sind die Ausländer schuld! Und die rechten Anhänger von Thoas, einer köstlichen Parodie auf den aktuellen amerikanischen Präsidenten, sind nur allzu gerne bereit, den Anschuldigungen, wie absurd sie auch seien („Sie essen unsere Hunde und Katzen!“), Glauben zu schenken. Am Ende sind die Migranten gewillt, sich gegen die ihnen angetane Gewalt zur Wehr zu setzen. Nur Iphigenie, die Verkörperung des klassischen Leitbildes der „schönen Seele“, will auch im Angesicht existenzieller Bedrohung ihre Humanität nicht aufgeben – und geht daran zugrunde. In einem unmenschlichen System hat die Menschlichkeit keine Chance. Das war die Kernbotschaft dieser Aufführung.
Keine leichte Kost, könnte man meinen. Doch es gelang der Gruppe durch den geschickten Einsatz von schwarzem Humor und Groteske sowie den parodistischen Umgang mit literarischen und realen Vorbildern den Zuschauern bei aller Schwere der Thematik einen vergnüglichen Abend zu bereiten. So ertappte man sich häufiger dabei, über Situationen und Aussagen zu lachen, die eigentlich todernst sind und den bedenklichen Zustand widerspiegeln, in dem sich unsere Welt momentan befindet.
Die Theatergruppe des Stiftland-Gymnasiums verdient auf alle Fälle höchsten Respekt für ihren Mut zur schonungslosen Auseinandersetzung mit den Problemen unserer Zeit, ihre im doppelten Wortsinn tollen Einfälle, ihre schwungvolle Inszenierung und ihre hervorragenden schauspielerischen Leistungen, für die es am Ende an beiden Abenden stehende Ovationen der zahlreichen Besucher gab. Ihr ist ein überzeugendes Statement gegen Fremdenfeindlichkeit, Frauendiskriminierung und Homophobie gelungen.
Nach der Premiere ehrte Oberstudiendirektor Matthias Weiser Ina Schmelzer für ihr 25-jähriges Jubiläum als Theaterlehrerin an der Schule mit einem Gemälde der jungen Künstlerin Natalie Brandl, die als Schülerin selbst einige Jahre in der Theatergruppe agierte. Am zweiten Abend betonten langjährige Mitglieder des Ensembles in hochemotionalen Abschiedsworten, wie viel ihnen die Arbeit im Schultheater bedeutet und für ihre persönliche Entwicklung gegeben hat.