Ein Vortrag von Dieter Arzberger, Stadtheimatpfleger aus Selb im „Kulturbuan” der Glasschleif. Wir hatten ihn eingeladen und waren sofort fasziniert von seinem Wissen über eine viel mehr zweihundert Jahre alte Volksmedizin, die man sich heute auch nicht mehr richtig vorstellen kann.
Bei seinem Lehramtsstudium vor über fünfzig Jahren an der Universität Bayreuth hatte das Thema „Heimat- und Sachkunde“ noch einen hohen Stellenwert. Prof. Kröll gab damals seinen Studenten einen Auftrag. Sie sollten in ganz Oberfranken Familien und ältere Leute zur Datenerhebung von Wissen zur Volksmedizin und Volkskunde befragen. Sie hatten dazu ein halbes Jahr Zeit.
Mit einem Fragebogen ausgerüstet, befragte er Menschen im Landkreis Wunsiedel nach Formen des Aberglaubens und des Brauchtums. Als er in der vorgegebenen Zeit die Ergebnisse vorlegte, waren fast unglaubliche über 300 Zaubersprüche und Beschwörungsformeln dabei, von denen ihm nichts bekannt war. Mittlerweile ist die Liste auf über 800 Stück angestiegen.
Es waren Schriftstücke und kleine Büchlein aus dem 18. und 19. Jahrhundert, als ärztliche Hilfe allgemein nicht verfügbar und oft nicht bezahlbar war.
Daraus ergab sich der Glaube, dass Krankheiten wie böse Geister angesprochen werden könnten. Sie sollten mit Beschwörungen zum Verlassen des Körpers gezwungen werden. Die Leute, die Krankheiten beschwörten, nannte man „Böißer“, weil sie der Krankheit eine „Buße“ auferlegten.
Ähnlichen Abwehrzauber gab es gegen Diebe, gegen Krankheiten im Stall, gegen Überfälle auf Reisen und eigentlich auch für alle Lebenslagen. Manche trauten sich dienstbare Geister oder gar den Teufel herbei zu zitieren. Man schrieb seltsame Symbole gegen Feuer, Blitzschlag und böse Besucher an die Türstöcke. Die meisten Formeln waren nicht zum Lesen gemacht. Man nähte sie auch in Uniformjacken zum Schutz gegen feindliche Kugeln ein. Kranken Tieren gab man solche Zettel ins Futter. Den kleinen Kindern wurden sie oft an die Wiege gehängt.