Am 16. September, dem bundesweiten Tag der Selbsthilfe, verwandelte sich das Klinikum St. Marien Amberg in einen Treffpunkt für Betroffene, Angehörige und Fachleute. Der Bundesverband Schädel-Hirnpatienten in Not e.V. hatte gemeinsam mit dem Klinikum zu einem informativen Aktionstag eingeladen – und das Interesse in der Bevölkerung war groß.
Bundesvorsitzender Armin Nentwig begrüßte die zahlreichen Teilnehmenden und stellte das umfangreiche Wirken des Verbandes vor. Neben fachkundiger Beratung zu allen Fragen rund um Reha, Pflege, Medizin, Sozialrecht und Betreuung bilden die regionalen Selbsthilfegruppen das Herzstück der Verbandsarbeit. „Die Vernetzung und der gegenseitige Austausch sind für Betroffene und Angehörige von unschätzbarem Wert“, betonte Nentwig. Deshalb sei es dem Vorstand ein besonderes Anliegen gewesen, die Selbsthilfe an diesem Tag in den Mittelpunkt zu rücken. In den vergangenen Jahren werde die Selbsthilfe auch im Gesundheitssystem immer präsenter und gelte längst als eine der tragenden Säulen – als unverzichtbare Unterstützung für kranke und beeinträchtigte Menschen und deren Angehörige.
Schlaganfall-Prävention im Fokus: Was jeder selbst tun kann
Einen eindrucksvollen Einblick in die Vorsorge gab Dr. med. Michaela Nagel, Oberärztin der Neurologischen Abteilung des Klinikums St. Marien Amberg. Sie machte deutlich, wie wichtig eine gesunde Lebensweise ist, um neurologischen Erkrankungen wie dem Schlaganfall vorzubeugen, und erläuterte den Teilnehmenden die neuesten Therapie- und Untersuchungsoptionen. Ihr Appell: Jeder kann selbst viel für die eigene Gesundheit tun – allen voran mit gesunder Ernährung.
Die Zahlen, die sie nannte, machen betroffen: Rund 270.000 Menschen erleiden in Deutschland jedes Jahr einen Schlaganfall. Er ist die dritthäufigste Todesursache nach Herzerkrankungen und Krebs, wobei Frauen häufiger betroffen sind als Männer. Zu den Risikofaktoren zählen erbliche Vorbelastung, hoher Blutdruck, hohe Cholesterinwerte, Rauchen, regelmäßiger Alkoholkonsum, Übergewicht sowie bei Frauen die veränderte Hormonlage in und nach den Wechseljahren.
„Austherapiert“ gibt es nicht
Wie es nach der Akutbehandlung im Krankenhaus weitergeht, schilderte Dr. med. Luise Goodwin, Neurologin und Chefärztin der neurologischen Rehabilitation im Rehazentrum Passauer Wolf in Nittenau. Sie blickte auf die Geschichte der neurologischen Rehabilitation zurück: Früher habe man diese paternalistisch und defizitorientiert betrachtet, es gab feste Therapieschulen – und am Ende der Reha-Zeit lautete die Bewertung häufig „austherapiert“. Dieser Begriff existiere in ihrem Wortschatz nicht, so Goodwin. Längst sei bekannt, dass die Neuro-Reha in Monaten und Jahren mit ihren Erfolgen und Fortschritten betrachtet werden müsse und es immer wieder weitere Fortschritte geben könne. Denn unser Gehirn kann lebenslang lernen und sich dank der Neuroplastizität durch Erfahrungen verändern.
Beide Medizinerinnen waren sich einig: Der „Patient als Partner“ muss im Mittelpunkt stehen. Hand in Hand gilt es, jeden Tag aufs Neue individuell zu prüfen, welche Therapien und medizinischen Interventionen zielführend sind und in welchen Intervallen der Patient profitiert – ohne unter- oder überfordert zu werden. Die Teilnehmenden zeigten sich begeistert von den informativen Vorträgen und den Denkanstößen der beiden Neurologinnen.
Praktische Tipps für den Pflegealltag
Zum Abschluss gab Margarete Hirsch, Kinaesthetics-Trainerin und Krankenschwester, gemeinsam mit zwei Kolleginnen einen anschaulichen Einblick in die Kinästhetik. Diese Technik nutzt natürliche Bewegungsabläufe, um Menschen mit Einschränkungen beim Umsetzen und richtigen Positionieren im Sitzen und Liegen zu unterstützen. Durch ihre langjährige Erfahrung konnten die Referentinnen mit wenigen Handgriffen praktische Tipps geben, die sich sofort zu Hause im Pflegealltag umsetzen lassen. Dieser krönende Abschluss machte eindrucksvoll deutlich, wie wertvoll die Selbsthilfe für unsere Gesellschaft ist – genau das ist das Anliegen des Bundesverbandes, der seit über 35 Jahren tätig ist und seinen Mitgliedern Hilfe zur Selbsthilfe bietet.
Verband wirkt an europaweiter Studie mit
Der stellvertretende Vorsitzende PD Dr. med. Richard Megele, Neurochirurg und ehemaliger Chefarzt der neurochirurgischen Abteilung des Klinikums St. Marien Amberg, berichtete zudem, dass der Verband auch an Forschungsprojekten und medizinischen Leitlinien mitwirkt – jüngst sogar europaweit. Auf Initiative und Anfrage von drei deutschen und einer französischen neurochirurgischen Universitätsklinik wird der Verband Schädel-Hirnpatienten in Not an einer geplanten Studie zu schweren Schädel-Hirnverletzungen teilnehmen, die beim Bundesforschungsministerium beantragt ist. Die Studie soll klären, ob durch spezielle Messungen und präzisere Therapien das Schicksal von Patienten verbessert werden kann. Grundlage ist die Erkenntnis, dass das Gehirn auf der Intensivstation nach der initialen Versorgung – etwa durch eine Operation – durch spontane elektrische Ladungen zusätzlich Schaden nehmen kann. Dr. Megele freute sich sehr, dass der Verband als Kooperationspartner für diese wichtige Studie ausgewählt wurde.
Selbsthilfe – eine verlässliche Stütze
Oft sei als „Nicht-Betroffener“ gar nicht bekannt, wie weitreichend die Selbsthilfearbeit in der Region ist. Genau deshalb ist es dem Bundesverband Schädel-Hirnpatienten so wichtig, seine Arbeit publik zu machen – denn es kann leider jeden und jede zu jeder Zeit treffen. Und dann ist man froh, eine verlässliche Stütze an seiner Seite zu wissen, die Hilfe und Unterstützung bietet.
Weitere Informationen zur Arbeit des Verbandes finden Interessierte auf der Homepage unter www.schaedelhirnpatienten.de.