Manche sprechen vom derzeit herrschenden Turbokapitalismus, andere vom neoliberalen Finanzkapitalismus. Viele verbinden damit wachsende soziale Ungleichheit, Klimakrise und Umweltschäden. Ein alternatives Modell stellt das Gemeinwohl im Mittelpunkt. „Eine Bewusstseinsänderung wäre der Anfang einer Handlungsveränderung.“ Mit dieser Feststellung beendete der evangelische Theologe und Ethiker Professor Dr. Martin Hoffmann seinen Vortrag im Café Mitte in Weiden. „Lebensdienlich wirtschaften – Entwürfe für die Transformation des Finanzkapitalismus“ lautete das Thema des Abends. Das Evangelische Bildungswerk Oberpfalz hatte zusammen mit dem Freundeskreis Weiden der Evangelischen Akademie Tutzing dazu eingeladen. Prof. Hoffmann blickte zunächst auf die historische Entwicklung mit Früh- und Industriekapitalismus zurück. Die soziale Marktwirtschaft der 60er und 70er Jahre, in der „vom Staat Regeln für sozial Schwächere gesetzt wurden“, nannte der Referent lediglich eine „Zwischenphase“. Heutzutage herrsche weltweit ein neoliberaler Finanzkapitalismus mit viel Deregulierung, Liberalisierung, Streben nach Privatisierung öffentlicher Güter und vor allem Gewinnmaximierung ohne Gemeinwohlverpflichtung. Globale Finanzmärkte seien entstanden, deren Finanzströme nur in sehr geringem Maße in den Produktionsbereich fließen. Es gebe wirtschaftliche Eliten, die sich eng mit der politischen Macht verbunden hätten, zum Beispiel in den USA. Dabei gebe die Politik Teile ihrer Macht an die Wirtschaft ab. Mehrmals verwies Prof. Hoffmann dabei auch auf seine langjährigen Erfahrungen in Lateinamerika. Und er sieht in Anbetracht dieser Entwicklungen auch „die Demokratie bedroht“. Die neoliberale Finanzwirtschaft führe zu immer mehr sozialer Ungleichheit und verstärke die Klimakrise, die letztlich auch Fluchtbewegungen ausgelöst habe. Güter würden dabei häufig künstlich verknappt, um anschließend hohe Gewinne abzuschöpfen. Auch gehe die „zunehmende Militarisierung einher mit einer Ausbeutung von Ressourcen“. Als Theologe stellt Prof. Hoffmann diesem System ein Modell gegenüber, das sich aus den Grundprinzipien des Glaubens heraus ergibt. „Im Glauben geht es mehr um umfassende Lebensumstände aller Menschen, um das Leben als Ganzes“, sagt der Theologe und nennt Menschenwürde („alle sind gleich getauft“), Schutz der Natur („Erde bebauen und bewahren“) und Achtung des Nächsten. Zentral ist für ihn seine Aussage: „Der christliche Glaube steht im Widerspruch zum neoliberalen Modell.“ Wirtschaft habe dem Leben zu dienen und der Geist des Gemeinwohls stehe im Vordergrund. Gefordert sei mehr „Logik der zwischenmenschlichen Beziehung“ anstelle einer „puren Logik der kapitalistischen Gewinnmaximierung“. Dazu gehöre auch eine „nachhaltige Wirtschaftspraxis, die das Netz des Lebens schützt und erhält“. Prof. Hoffmann fordert eine neue sozialökonomische Grundordnung mit Gemeinwohlverpflichtung von Eigentum an Grund und Boden, von Gütern und Dienstleistungen, vom Geld- und Kreditsystem. Arbeit müsse „partizipatorisch und kooperativ so verteilt werden, dass alle über die Runden kommen“. Der Umgang mit der Natur bedürfe einer „Ökonomie des Genug und keiner Ökonomie des Mehrs“. Als dritten Weg, jenseits von Kapitalismus und Sozialismus, schlägt Prof. Hoffmann deshalb eine ethische und nachhaltige Gemeinwohlökonomie vor. Gemeinwohlbilanzen sollen Gewinnbilanzen ersetzen. Eine Gemeinwohl-Matrix wurde vorgestellt. Sie misst für die wichtigsten am Wirtschaftsleben beteiligten Gruppen, wie zum Beispiel Eigentümer, Finanzpartner, Mitarbeiter oder Kunden, sogenannte „Wertesäulen des Gemeinwohls“. Es sind dies Menschenwürde, Solidarität und soziale Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitentscheidung. Solche Bilanzen sollten auch politisch gefördert werden, schlägt Prof. Hoffmann vor. „Marktwirtschaft sei in Ordnung, aber ein staatlicher Rahmen sollte Gemeinwohlarbeit belohnen.“