Ein Ort, der Kontraste kaum reizvoller vereinen könnte: Im Dientzenhofer Saal der Internationalen Begegnungsstätte des Klosters Speinshart kam die CSU-Kreistagsfraktion Neustadt an der Waldnaab gemeinsam mit der Fraktion der Jungen Union zu ihrer jüngsten Sitzung zusammen – barocke Klosterarchitektur auf der einen, hochaktuelle Zukunftsfragen auf der anderen Seite.
Den Anfang machte ein Impuls von Pater Adrian, der die Anwesenden mit in die Gedankenwelt der jüngsten päpstlichen Enzyklika „Magnifica humanitas“ nahm. Papst Leo XIV. hatte das gut 120 Seiten starke Lehrschreiben – sein erstes im Pontifikat – am 15. Mai unterzeichnet und am 25. Mai der Öffentlichkeit vorgestellt, bewusst zum 135. Jahrestag von „Rerum novarum“, der wegweisenden Sozialenzyklika seines Namensvetters Leo XIII. aus dem Jahr 1891.
Pater Adrian machte deutlich, worum es dem Papst im Kern geht: um die Bewahrung der menschlichen Würde und eine Absage an rein technokratisches Machtdenken im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Bildhaft griff er dabei die zwei biblischen Motive der Enzyklika auf, mit denen Leo XIV. zwei mögliche Wege in die digitale Zukunft zeichnet: den Turmbau zu Babel als Sinnbild eines gottlosen, in Ausgrenzung und Chaos mündenden Fortschritts – ihm gegenübergestellt das Bild des neuen Jerusalem, das für einen gemeinschaftlichen, aufbauenden Weg steht.
Zentral sei dabei, so Pater Adrian, dass die Enzyklika keineswegs technikfeindlich argumentiere. KI werde als wertvolles Werkzeug anerkannt, dürfe den Menschen aber niemals auf Algorithmen, Effizienz und Daten reduzieren. Technologie sei nicht neutral, sondern immer von den Interessen jener geprägt, die sie besitzen, finanzieren und programmieren. Maschinen, so die Enzyklika, hätten weder Leib noch moralisches Gewissen, kein Schmerzempfinden und keine Beziehungsfähigkeit – echte menschliche Urteilskraft und Verantwortung könnten sie deshalb nie ersetzen. Auch vor konkreten Entwicklungen warnt das Schreiben: vor transhumanistischen Vorstellungen einer Überwindung des Menschen, vor einem ungleichen globalen Zugang zu KI als neuem Spaltungsfaktor und ausdrücklich vor einer automatisierten Kriegsführung durch Algorithmen.
Als Gast begrüßte Fraktionsvorsitzende Tanja Renner anschließend Dr. Adrian Roßner, Geschäftsführer des Speinshart Scientific Center for AI and SuperTech (SSC). Roßner berichtete von positiven Entwicklungen des Leuchtturmprojekts, das den Landkreis in den vergangenen Monaten überregional in den Fokus gerückt hat. Dabei machte er deutlich, dass sich das Zentrum nicht auf Künstliche Intelligenz allein beschränkt: Das SSC versteht sich als interdisziplinärer Rückzugs- und Forschungsort für die gesamte Bandbreite transformativer Hochtechnologien – von angewandter Mathematik über Verfahrenstechnik bis hin zu Umwelt- und Materialforschung. So war das Kloster in den vergangenen Wochen bereits Schauplatz eines mehrtägigen Modellierungs-Retreats des europäischen Forschungsprojekts BioFairNet zur „Green Information Factory“ sowie eines wissenschaftlichen Seminars zum Thema KI in der Mechanik. Für die kommenden Wochen stehen unter anderem ein internationales Retreat zu KI-Ethik in Kooperation mit der Technischen Hochschule Ingolstadt sowie die Bayerisch-Tschechische AI Summer School auf dem Programm.
Besonders bemerkenswert war sein Blick auf das vermeintliche Spannungsfeld zwischen Klosterleben und Spitzentechnologie. Statt eines Widerspruchs sieht Roßner darin den eigentlichen Mehrwert des Standorts: Die Verbindung aus jahrhundertealter monastischer Kontemplation und moderner Forschung ziehe Wissenschaftler aus aller Welt nach Speinshart und biete einen besonderen Rahmen für ihre Arbeit. Nach dem Impuls von Pater Adrian bekam diese Einschätzung zusätzliches Gewicht – zwischen Enzyklika und Algorithmus lag an diesem Nachmittag erkennbar weniger Distanz, als man zunächst vermuten könnte.