Am Donnerstagabend vergangener Woche platzte der Pädagogikraum im MuseumsQuartier Tirschenreuth mit knapp 70 Besuchern förmlich aus allen Nähten. Grund dafür war das überaus große Interesse an einem Vortrag von Harald Fähnrich mit dem Thema „Aufgehängt! – Ein Endzeitverbrechen des Dritten Reiches”. Geschehen am 18. April 1945 in Tirschenreuth, wenige Tage vor Kriegsende.
Fähnrich hatte es sich zum Ziel gesetzt, dem Opfer seinen Namen wiederzugeben. Dazu war es notwendig, verschiedene Unterlagen im Stadtarchiv Tirschenreuth, dem Staatsarchiv Amberg, dem Bundesarchiv Berlin und diversen Archiven auswärtiger Stadtverwaltungen einzusehen. Augenzeugenberichte unterstrichen dabei Fähnrichs Recherche. Dadurch konnte Fähnrich den Ablauf der Tat detailliert nachzeichnen und diese für die Zuhörer historisch einordnen: Wenige Tage, bevor Tirschenreuth am 21. April 1945 kampflos den Amerikanern überlassen wurde, tagte ein weithin gefürchtetes Militärgericht im Rathaussaal Tirschenreuth. Dabei handelte es sich um eine Sonderstreife der Wehrmachtspolizei, die aus arbeitslosen Offizieren der Luftwaffe bestand. Feldjäger, deren neue Aufgabe nach der verlorenen Schlacht von Stalingrad durch Führerbefehl geschaffen wurde. Sie waren der Wehrmacht und den SS-Kampfeinheiten übergeordnet.
Dieses Militärgericht sprach am Vormittag des 18. April 1945 im Rathaus Tirschenreuth das Todesurteil gegen einen angeblichen Deserteur aus. Die Unterlagen belegen die Willkür der Beschuldigung. Jener „Deserteur” wurde tags zuvor in Schönficht bei Plößberg aufgegriffen und in eine der beiden Haftzellen der Stadtpolizei im Durchgang des Rathauses Tirschenreuth eingesperrt.
Durch seine akribische Recherche gab Fähnrich dem Verurteilten seinen Namen und seine Persönlichkeit zurück: Kaspar Gündling, ein Familienvater aus Arnstadt bei Thüringen, wurde noch am selben Tag der Urteilsverkündung am Galgen hingerichtet. Doch damit nicht genug. Zur Abschreckung wurde der Ermordete 24 Stunden hängen gelassen, damit ihn möglichst viele sehen konnten. Anschließend wurde Gündling auf dem Friedhof Tirschenreuth ordentlich beerdigt. Sein Tod steht exemplarisch für die vielen sinnlosen Gräueltaten in den letzten Kriegstagen: Kaspar Gündling ließ sein Leben aufgrund von Fanatismus, Wahnsinn und einer willkürlichen Anklage.
Zusätzlicher Vortrag am 15. November
Harald Fähnrich beschäftigte der Mordfall über den unbekannten, vermeintlichen Deserteur, nachdem er bereits im Jahr 1982 über diesen Fall im Buch von Max Gleißner gelesen hatte. Wer am Vortrag von Harald Fähnrich nicht teilnehmen konnte, hat am Sonntag, 15. November 2026, um 14:30 Uhr noch einmal die Gelegenheit, den detaillierten Ausführungen Fähnrichs im MuseumsQuartier zu folgen.