2160 Kilometer, 28 250 Höhenmeter, fünf Tage und 45 Minuten auf einer Strecke rund um Österreich. Dazu Temperaturen von bis zu 40 Grad, schier endlose Anstiege, kaum Schlaf und immer wieder die Frage, wie viel der eigene Körper noch zu leisten imstande ist. Am Ende dieser außergewöhnlichen Reise steht für Herbert Manz aus Schwarzenfeld ein Erfolg, den er selbst noch kaum begreifen kann: Platz zwei beim Race Around Austria in der Klasse Ü50 und damit der Vizeweltmeistertitel im Ultracycling.
Dabei war der Titel vor dem Start keineswegs das erklärte Ziel des 55-Jährigen. „Ich wollte die Strecke in fünf Tagen schaffen, unfallfrei wieder ins Ziel kommen und gemeinsam mit meinem Betreuerteam eine gute Zeit haben“, sagt Manz. Einen Platz auf dem Podium habe er zwar irgendwo im Hinterkopf gehabt. Dass daraus am Ende der Vizeweltmeistertitel werden würde, habe er jedoch nicht erwartet.
Manz, Inhaber des Autohaus Manz und der e-motion Bikewelt Schwarzenfeld, betreibt seit 2011 Rennradsport. 2016 wagte er sich erstmals an 24-Stunden-Rennen, seit 2018 ist das Ultracycling seine sportliche Heimat. Sechsmal pro Woche trainiert er mittlerweile – seit Jahren. Eine spezielle Vorbereitung nur für das Race Around Austria war deshalb gar nicht notwendig. Sein Trainer Thorsten Witt habe ihn gezielt auf den Saisonhöhepunkt vorbereitet.
Was auf dem Papier nach nüchternen Zahlen klingt, wurde auf der Strecke allerdings zu einer körperlichen und mentalen Grenzerfahrung.
30 Stunden ohne Schlaf
Die ersten 30 Stunden fuhr Manz komplett durch. Erst danach gönnte er sich erstmals Schlaf. In den folgenden Nächten waren es jeweils lediglich rund drei Stunden. Der Rest des Tages gehörte dem Fahrrad. Essen und Trinken? Wurde während der Fahrt erledigt.
Gerade der Schlafmangel wurde mit zunehmender Renndauer zu einem Gegner, gegen den keine noch so gut trainierten Beine helfen. Hinzu kam die extreme Hitze. Besonders an den Nachmittagen kletterten die Temperaturen auf bis zu 40 Grad.
Und ausgerechnet dann warteten einige der härtesten Anstiege Österreichs.
Kühtai, Großglockner und zahlreiche weitere Pässe mussten bewältigt werden. Steile Rampen, Hitze, Müdigkeit – und immer wieder weiter.
„Schwierige Momente gab es zur Genüge“, sagt Manz. Gerade an den langen Anstiegen habe ihm die Hitze enorm zugesetzt. Wenn dazu der Schlafmangel kam, wurde aus dem Radrennen zunehmend auch ein Kampf mit dem eigenen Kopf.
„Aufgeben tun wir nur Briefe und Päckchen“
Ausgerechnet in einem dieser Momente half ihm ein Satz, der mit professioneller Sportpsychologie herzlich wenig zu tun hatte.
An einem Morgen gegen sieben Uhr machte das Team Halt bei einem kleinen Laden. Ein Espresso sollte Manz wieder etwas Leben einhauchen. Ein anderer Kunde fragte, ob man bei solch einer Strapaze nicht irgendwann ans Aufgeben denke.
Der Ladenbesitzer hatte darauf seine ganz eigene Antwort:
„Aufgeben tun wir nur Briefe und Päckchen.“
Ein einfacher Satz – aber einer, der hängen blieb.
„Daran musste ich später immer wieder denken“, erzählt Manz. Wenn es schwer wurde, wenn die Hitze drückte und der Körper müde wurde, kam dieser Spruch zurück.
Aufgeben? Briefe und Päckchen vielleicht. Dieses Rennen nicht.
Sechs Menschen, ohne die es nicht gegangen wäre
Dass Manz nach mehr als 2000 Kilometern überhaupt noch in Richtung Ziel fahren konnte, war allerdings keine Einzelleistung.
Mit ihm war ein sechsköpfiges Betreuerteam unterwegs: Lisa, Adrian, Tobi, Markus, Tobi und Luca. Rund um die Uhr kümmerten sie sich um ihren Fahrer, organisierten Verpflegung, Versorgung und Pausen und hielten ihm während der gesamten fünf Tage den Rücken frei.
„Mein Team hat mich absolut perfekt rund um Österreich gebracht“, sagt Manz. „Ohne sie wäre dieser Erfolg nicht möglich gewesen.“
Beim Ultracycling fährt zwar nur einer das Fahrrad – doch ein Rennen dieser Dimension gewinnt und verliert ein ganzes Team.
Auch zu Hause gibt es jemanden, ohne dessen Unterstützung ein solcher Sport kaum möglich wäre. Manz richtet deshalb einen besonderen Dank an seine Frau Marion. Sie gebe ihm die Freiheit, die enorme Zeit zu investieren, die Training und Wettkämpfe auf diesem Niveau verlangen.
Denn hinter den fünf Tagen beim Race Around Austria stehen Jahre konsequenten Trainings. Sechs Trainingstage pro Woche bedeuten unzählige Stunden auf dem Rad – auch dann, wenn das Wetter schlecht ist, die Beine schwer sind oder die Motivation einmal nicht von alleine kommt.
Wenn Österreich langsam erwacht
Doch das Race Around Austria bestand für Manz nicht nur aus Schmerzen, Müdigkeit und Hitze.
Es gab jene Momente, wegen derer Ultracycling für ihn weit mehr ist als die Jagd nach Kilometern und Platzierungen.
Sonnenuntergänge irgendwo auf einer österreichischen Passstraße. Die Ruhe der Nacht. Und schließlich der Moment, wenn am Horizont wieder das erste Licht erscheint und die Landschaft langsam erwacht.
„Gerade die Passagen bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang waren etwas ganz Besonderes“, erinnert sich Manz.
Für wenige Augenblicke treten dann Kilometer, Wattzahlen und Platzierungen in den Hintergrund.
Bis die Straße wieder ansteigt.
4000 Menschen und Gänsehaut im Ziel
Nach fünf Tagen und 45 Minuten kam schließlich St. Georgen näher.
Was Manz dort erwartete, konnte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen.
In St. Georgen fand gerade ein großes Bürgerfest statt. Ein Begleitmotorrad nahm ihn in Empfang und lotste ihn zur Zieleinfahrt. Die Strecke führte ihn praktisch mitten durch das Festzelt bis zur Bühne.
Dort warteten rund 4000 Menschen.
Nach fünf Tagen, 2160 Kilometern, 28 250 Höhenmetern, Hitze, Schlafmangel und unzähligen Stunden auf dem Fahrrad wurde der Schwarzenfelder von Tausenden Menschen gefeiert.
„Das war Gänsehaut pur“, sagt Manz.
Es war der Moment, in dem all das, was in den Tagen zuvor passiert war, plötzlich zusammenkam: die schweren Trainingsstunden, die Hitze am Großglockner, die Müdigkeit, der Espresso am Morgen, der Ladenbesitzer mit seinem Spruch, das Team im Begleitfahrzeug und die vielen Kilometer durch die Nacht.
Und schließlich die Gewissheit:
Herbert Manz ist Vizeweltmeister.
Ein Titel, der erst noch ankommen muss
Was dieser Erfolg für ihn bedeutet, kann der 55-Jährige wenige Tage später selbst noch nicht vollständig in Worte fassen.
„Nach so vielen, oftmals schweren und harten Zeiten im Training diesen Titel tragen zu dürfen, ist extrem emotional“, sagt Manz. „Ich bin sehr stolz darauf und kann das Ganze momentan noch gar nicht richtig einsortieren.“
Vielleicht braucht es dafür auch etwas Zeit.
Denn fünf Tage und 45 Minuten mögen auf der Ergebnisliste lediglich eine Zahl sein. Dahinter stecken aber Jahre des Trainings, tausende Kilometer, Verzicht und die Unterstützung von Menschen, die diesen Weg mitgehen.
Lange ausruhen wird sich der frischgebackene Vizeweltmeister allerdings nicht.
Bereits zehn Tage nach dem Race Around Austria wartet mit dem legendären Ötztaler Radmarathon die nächste Herausforderung. Im Oktober folgt zum Saisonabschluss ein weiteres Ultracycling-Rennen auf Sardinien: 1000 Kilometer und rund 19 000 Höhenmeter.
Man könnte sich fragen, warum man sich nach 2160 Kilometern rund um Österreich schon wieder auf die nächste Startlinie stellt.
Aber spätestens seit diesem Race Around Austria kennt Herbert Manz darauf vermutlich eine passende Antwort:
Aufgeben tun wir schließlich nur Briefe und Päckchen.